Was, wenn der digitale Euro nicht einfach eine neue Bezahlmethode wird, sondern das Payment-Ökosystem grundlegend verändert?
Mit dem für 2029 geplanten digitalen Euro steht Europas Zahlungsverkehr vor einer möglichen Neuordnung. Für Banken und Payment Service Provider geht es dabei um weit mehr als neue technische Schnittstellen: Es geht um Infrastruktur, Customer Experience, Interoperabilität und die Frage, wie sich unterschiedliche Payment-Lösungen künftig zu einem nahtlosen Kundenerlebnis verbinden lassen.
Katja Gasche von Worldline und Martin Henke von Capco beschäftigen sich intensiv mit der Zukunft des Zahlungsverkehrs. Im Gespräch zeigen sie, welche Herausforderungen Banken bereits heute berücksichtigen sollten, wie der digitale Euro mit bestehenden Angeboten wie Wero und digitalen Wallets zusammenspielen könnte und warum Technologien wie Agentic Payments die Diskussion zusätzlich verändern.
Katja Gasche, Area Head für Mobility, Retail & Growing Markets DACH & CEE bei Wordline Financial Services, ist seit mehr als 18 Jahren im Payment-Bereich und bei Worldline tätig und hatte in dieser Zeit verschiedene marktnahe Positionen und Führungsrollen inne. Heute verantwortet sie ein breites Kundenportfolio, zu dem Banken, Netzbetreiber, Acquirer, Payment Service Provider, Fintechs und größere Unternehmen gehören, die zunehmend selbst als Finanzinstitutionen agieren.
Martin Henke, Executive Director, Banking & Payments bei Capco, verfügt über rund 15 Jahre Beratungserfahrung im Retail Banking und Retail Payments. Seine Arbeit umfasst Produktinnovationen und Transformationsprogramme rund um Konten, digitale Wallets und Kartenprogramme sowie regulatorische Initiativen wie Instant Payments.
Wann und wie könnten Verbraucher mit dem digitalen Euro bezahlen und welche Herausforderungen bringt seine Einführung für Banken und Payment Service Provider mit sich?
Martin Henke:
Nach aktuellen Erwartungen könnten Verbraucher den digitalen Euro ab der zweiten Jahreshälfte 2029 nutzen. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist der regulatorische Rahmen, der derzeit gegen Ende 2026 erwartet wird. Anschließend werden nach aktueller Einschätzung etwa zweieinhalb Jahre benötigt, bevor ein europaweiter Rollout und Go-live erfolgen könnte.
Für Verbraucher soll der digitale Euro weitaus mehr ermöglichen als Peer-to-Peer-Zahlungen. Er könnte sowohl für Zahlungen im stationären Handel und online als auch für Offline-Zahlungen genutzt werden. Zudem soll er mit dem bestehenden Payment-Ökosystem interoperabel sein.
Genau hier entsteht eine der wesentlichen Herausforderungen: Banken und Payment Service Provider werden nicht einfach eine weitere Bezahlmethode in ein bestehendes Frontend integrieren. Sie müssen neue Funktionalitäten in wesentlichen Teilen ihrer Payment-Infrastruktur schaffen.
Anders als bei Lösungen, die für die Zahlungsabwicklung auf die bestehende Instant Payment-Infrastruktur zurückgreifen, benötigt der digitale Euro eine eigene Zahlungsinfrastruktur. Marktteilnehmer müssen dafür neue Schnittstellen zur Digital Euro Service-Plattform schaffen und die gesamte Abwicklung des digitalen Euro durchgängig in ihre Prozesse integrieren. Einige Funktionalitäten werden zudem speziell für den digitalen Euro entwickelt werden müssen, da seine zugrundeliegende Logik nicht vollständig den heutigen SEPA-Zahlungsprozessen entspricht.
Banken und Payment Service Provider werden nicht einfach eine weitere Bezahlmethode integrieren. Der digitale Euro wird neue Funktionalitäten entlang der Payment-Landschaft erfordern.
Welche Rolle spielt Worldline bei der Vorbereitung auf den digitalen Euro und wie bereiten Sie sich selbst auf dessen Einführung vor?
Katja Gasche:
Worldline ist bereits seit den frühen Entwicklungsphasen in die Ausgestaltung des digitalen Euro eingebunden. Seit 2020 nehmen wir an Konsultationen und Arbeitsgruppen mit der Europäischen Zentralbank und den nationalen Zentralbanken teil und bringen unsere Payment-Expertise in den Entwicklungsprozess ein.
Darüber hinaus waren wir sowohl an der Entwicklung von Prototypen für Offline-Zahlungen als auch an der Ausgestaltung des Regelwerks beteiligt. Für die Pilotphase wird Worldline sowohl als Acquiring-Zahlungsdienstleister als auch als Technical Service Provider fungieren und Banken sowie Finanzinstitute über die gesamte Wertschöpfungskette des digitalen Euros hinweg unterstützen – von der Infrastruktur-Konnektivität und Transaktionsverarbeitung bis hin zur Integration in die Systeme der Banken und Händler.
Eine unserer wichtigsten Prioritäten ist es, die Komplexität für Finanzinstitute zu reduzieren. Über eine standardisierte API-Anbindung an die Digital Euro Service-Plattform soll möglichst viel dieser Komplexität innerhalb der Worldline-Plattform abgebildet werden.
Dabei geht es nicht nur um die Integration. Ebenso wichtig sind Time-to-Market, die Reduzierung von Projektrisiken und Investitionssicherheit. Unser Ziel ist es, bestehende Infrastrukturen wiederzuverwenden, wo dies sinnvoll ist und Lösungen zu entwickeln, die mit den Anforderungen skalieren und perspektivisch auch weitere Next-Generation-Payment-Methoden unterstützen können.
Unser Fokus liegt darauf, die Komplexität für Finanzinstitute deutlich zu reduzieren und gleichzeitig eine Infrastruktur zu schaffen, die sich für zukünftige Bezahlmethoden weiterentwickeln lässt.
Wie kann der digitale Euro in bestehende Payment-Angebote integriert werden, ohne zusätzliche Hürden für Händler und Kunden zu schaffen?
Katja Gasche:
Standardisierung und Wiederverwendbarkeit sind entscheidend. Wir haben uns auf standardisierte APIs konzentriert, die eine Anbindung an die Digital Euro Service-Plattform ermöglichen und die Grundlage dafür schaffen, weitere Bezahlmethoden zu integrieren.
Dabei müssen auch die unterschiedlichen Kanäle berücksichtigt werden. Ob am Point of Sale oder im E-Commerce: Ziel sollte es sein, möglichst viel Komplexität innerhalb der Plattform abzubilden und gleichzeitig die Auswirkungen auf die bestehende Infrastruktur von Finanzinstituten und Payment Service Providern so gering wie möglich zu halten.
Letztlich sollten Kunden die Komplexität, die hinter einer neuen Bezahlmethode steckt, gar nicht wahrnehmen müssen.
Welche Veränderungen im Retail Payments und im Kundenverhalten sollten Banken bereits heute berücksichtigen?
Martin Henke:
Kunden haben sich daran gewöhnt, dass Zahlungen einfach, schnell und sicher funktionieren. Mobile Wallets sind ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Heute wird erwartet, dass eine Zahlung intuitiv, nahtlos und zuverlässig abläuft.
Der digitale Euro wird einen vergleichbaren Standard erfüllen müssen. Dabei ist die User Experience ebenso wichtig wie Geschwindigkeit und Sicherheit.
Gleichzeitig wird der digitale Euro bestehende Bezahlmethoden nicht einfach ersetzen. Bargeld, Karten, Lastschriften und andere Verfahren werden weiterhin Teil des Payment-Mix bleiben. Banken müssen deshalb überlegen, wie sich der digitale Euro in ihre bestehenden Angebote einfügt und wie Kunden einfach zwischen unterschiedlichen Formen von Geld wechseln können.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Mehrwertdienste. Erfolgreiche Kartenangebote können heute beispielsweise Versicherungen, Loyalty-Programme und weitere Vorteile umfassen. Wenn Banken den digitalen Euro ausschließlich als regulatorische Compliance-Aufgabe betrachten, erhalten sie möglicherweise ein funktionales Wallet, aber nicht zwangsläufig ein überzeugendes Kundenangebot.
Kunden werden kaum erwarten, dass eine neue Payment Experience schlechter ist als das, was sie bereits kennen. Banken sollten deshalb neben den Kernfunktionalitäten des digitalen Euro auch relevante Mehrwertdienste berücksichtigen.
Die Komplexität sollte im Hintergrund bleiben und nicht an den Kunden weitergegeben werden.
Wie können Banken die Umsetzung des digitalen Euros über die kommenden drei Jahre angehen?
Katja Gasche:
Die Pilotphase wird entscheidend sein, um zu testen, ob die geplante Infrastruktur in einem operativen Umfeld effektiv funktioniert. Banken und andere Marktteilnehmer sollten diese Phase nutzen, um die technische und operative Reife sowie die Resilienz zu bewerten, Verbesserungspotenziale zu identifizieren und Nutzerfeedback in die Customer Experience einfließen zu lassen.
Darüber hinaus sollten sie prüfen, ob bestehende Core Banking-Systeme angepasst werden müssen, um die Anforderungen des digitalen Euro zu unterstützen. Auch bei einer API-basierten Integration könnte der Pilot zusätzliche Anforderungen aufzeigen, beispielsweise beim Settlement oder bei nachgelagerten Prozessen.
Im nächsten Schritt gilt es zu verstehen, wie sich das Ökosystem des digitalen Euro in bestehende Payment-Umgebungen integrieren und effektiv skalieren lässt. Eine nahtlose Integration in Mobile Banking Umgebungen, Wallets und andere Frontend-Lösungen wird besonders wichtig sein, wenn der digitale Euro Akzeptanz bei den Kunden finden soll.
Wir betrachten zudem Erfahrungen mit anderen Initiativen für digitale Währungen außerhalb Europas, um zu verstehen, welche Use Cases funktioniert haben und welche Herausforderungen in frühen Phasen vermieden werden sollten.
Martin Henke:
Banken sollten außerdem eine klare Entscheidung über ihre Make-, Buy- oder Hybrid-Strategie treffen.
Die Anforderungen an den digitalen Euro sind vielfältig. Für Finanzinstitute stellt sich daher die Frage, welche Fähigkeiten sie innerhalb ihrer bestehenden Technologielandschaft selbst aufbauen und für welche sie auf Lösungen von Core Banking-Anbietern, Payment Service Providern oder anderen externen Partnern zurückgreifen. Auch ein hybrides Modell ist möglich. Eine Bank könnte einen Großteil der zugrundeliegenden Funktionalitäten extern beziehen und gleichzeitig die Customer Experience direkt in die eigene Banking-App integrieren.
Sollte der regulatorische Rahmen, wie derzeit erwartet, finalisiert werden, würde ich empfehlen, mit diesen Initiativen bereits 2027 zu beginnen, anstatt bis 2028 zu warten. Bei einem möglichen Go-live im Jahr 2029 könnte das Zeitfenster für die Umsetzung ansonsten sehr eng werden.
Das Ziel sollte nicht allein darin bestehen, regulatorische Anforderungen zu erfüllen. Banken brauchen ausreichend Zeit, um eine Lösung zu entwickeln, die auch eine überzeugende Customer Experience bietet.
Eine nahtlose Integration in Mobile Banking, Wallets und andere Frontend-Lösungen wird besonders wichtig sein, wenn der digitale Euro Akzeptanz bei den Kunden finden soll.
Wero, digitale Wallets und der digitale Euro: Wettbewerb oder komplementäre Angebote?
Katja Gasche:
Aus unserer Sicht ergänzen sich diese Angebote. Wir bewegen uns bereits heute in einem Markt, in dem verschiedene Payment Schemes parallel bestehen. Entscheidend ist, welchen konkreten Mehrwert die jeweilige Lösung bietet.
Wero kann beispielsweise eine nutzerfreundliche Oberfläche für Account-to-Account- und Echtzeitzahlungen bieten. Der digitale Euro hat eine andere Rolle: Im Mittelpunkt stehen die gesetzliche Akzeptanz und das Vertrauen in öffentliches Geld im digitalen Raum.
Digitale Wallets könnten zu der Umgebung werden, in der diese Angebote zusammengeführt und gleichzeitig um Services wie Loyalty und digitale Identitäten ergänzt werden. Mit Blick auf die weitere Entwicklung könnten intelligente Systeme perspektivisch sogar bestimmen, welche Bezahlmethode für eine bestimmte Transaktion genutzt werden sollte, beispielsweise auf Basis von Effizienz und Sicherheit.
Martin Henke:
Aus Kundensicht sollte das Ziel eine einheitliche und einfache Experience sein.
Man stelle sich vor, ein Kunde benötigt eine eigenständige App für eine Bezahlmethode, eine weitere App für den digitalen Euro und zusätzliche Apps für andere Wallet-Services. Aus meiner Sicht wäre das ein Worst-Case-Szenario.
Banken und Payment Service Provider sollten stattdessen überlegen, wie Wero, der digitale Euro und andere Angebote in eine umfassendere Digital Wallet-Strategie integriert werden können. Die Komplexität sollte im Hintergrund bleiben und nicht an den Kunden weitergegeben werden.
Was kann der digitale Euro von digitalen Identitäten und Agentic Payments lernen?
Katja Gasche:
Digitale Identitäten sind eine wichtige Grundlage für Vertrauen in jedes Zahlungssystem. Die Identitätsprüfung muss sicher sein und sollte idealerweise in Echtzeit im Hintergrund stattfinden, ohne die Customer Journey unnötig zu unterbrechen. Dieses Prinzip lässt sich auch auf den digitalen Euro übertragen: Der Prozess sollte sicher und resilient sein und gleichzeitig für den Kunden möglichst nahtlos bleiben.
Agentic Payments bringen eine weitere Dimension hinzu. Wenn autonome KI-Systeme oder vernetzte Gerätezahlungen im Auftrag von Kunden initiieren, steigen die Anforderungen an APIs, Resilienz, Identitäten und Sicherheitsmonitoring.
Das Zusammenspiel zwischen sicheren digitalen Identitäten und Agenten, die Transaktionen ausführen können, wird daher besonders wichtig werden. Diese Umgebungen erfordern ein robustes Monitoring und eine angemessene menschliche Aufsicht, um das Vertrauen in das Gesamtsystem zu erhalten.
Wie könnte Bezahlen im Jahr 2029 aussehen?
Martin Henke:
Banken sollten mehrere mögliche Szenarien berücksichtigen.
In einem Szenario verändert sich der heutige Payment-Mix nur schrittweise. Der digitale Euro wird zu einer weiteren Option neben Karten, Mobile Wallets, Bargeld und anderen Bezahlmethoden und ersetzt einen Teil der bestehenden Transaktionen, ohne das Kundenverhalten grundlegend zu verändern.
In einem anderen Szenario könnte die Akzeptanz des digitalen Euro deutlich stärker ausfallen. Seine Positionierung im Checkout, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Händler oder mögliche Initiativen des öffentlichen Sektors könnten beeinflussen, wie schnell er sich zu einer relevanten Bezahlmethode entwickelt.
Daneben gibt es ein drittes Szenario, das über einzelne Bezahlmethoden hinausgeht: Agentic Payments.
Bis 2029 könnten Kunden Zahlungen zunehmend an digitale Agenten delegieren. In diesem Fall könnte die im Hintergrund verwendete Bezahlmethode für den Kunden an Bedeutung und Sichtbarkeit verlieren. Die primäre Customer Experience könnte stattdessen durch das Wallet oder den Agenten bestimmt werden, der die Transaktion initiiert und steuert.
Daraus ergibt sich für Banken und Payment-Anbieter eine strategische Frage: Wer kontrolliert die Kundenschnittstelle und welches Payment Rail wird letztlich im Hintergrund genutzt?
Der digitale Euro sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Banken müssen seine Rolle in einer Payment-Landschaft berücksichtigen, in der Wallets, Instant Payments, digitale Identitäten und zunehmend auch KI-gestützte Services zusammenwachsen könnten.