Financial Data Access (FiDA) Regulation und Open Insurance

Warum Versicherer jetzt strategisch handeln müssen

  • Hela Waltinger, Iuliia Bezvugliak
  • 10 June 2026

FiDA könnte die Spielregeln im Versicherungsvertrieb grundlegend verändern. Denn erstmals werden Versicherungsdaten Teil eines offenen Finanzökosystems – mit direkten Auswirkungen auf Kundenschnittstellen, Vertrieb und Wettbewerbsdynamik.

Die geplante EU-Verordnung soll den sicheren Austausch von Finanzdaten ermöglichen und gilt als zentrale Grundlage für Open Insurance im Rahmen der europäischen Open Finance-Strategie. Der erste Verordnungsvorschlag wurde im Juni 2023 von der EU-Kommission veröffentlicht. Die Verordnung wird derzeit zwischen EU-Kommission, Parlament und Mitgliedstaaten final verhandelt. Mit einem Inkrafttreten wird voraussichtlich 2026 gerechnet.

Für Versicherungsunternehmen schließt sich daran eine Umsetzungsfrist von rund 18 bis 24 Monaten an. Erste marktrelevante Anwendungen sind daher ab 2027 zu erwarten, während die vollständige Umsetzung voraussichtlich bis spätestens 2028 beziehungsweise 2029 erfolgen dürfte.

In Gesprächen mit Versicherungsunternehmen zeigt sich, dass viele Marktteilnehmer die Entwicklung bislang eher abwartend verfolgen, in der Annahme, dass sich Zeitplan oder Inhalte der Verordnung noch verändern oder abschwächen könnten.

Genau darin liegt jedoch das Risiko. Denn wer FiDA erst als reine Umsetzungspflicht betrachtet, wenn die regulatorischen Details final feststehen, könnte strategische Gestaltungsspielräume verpassen. In diesem Artikel richten wir daher den Fokus auf die notwendigen Planungs- und Umsetzungsschritte für die Versicherungsbranche:

  • Was bedeutet FiDA konkret für Versicherer?
  • Welche Rollen können Versicherer im künftigen Open Insurance-Ökosystem einnehmen?
  • Wie lässt sich FiDA als strategische Chance verstehen und nutzen?

 

FiDA verändert die Spielregeln im Versicherungsmarkt

Mit FiDA werden Vertrags- und damit auch Produktdaten in ein offenes Finanzökosystem integriert. Ausgenommen davon ist der Bereich Krankenversicherungen. Künftig müssen Versicherer Vertragsdaten – mit Zustimmung der Kunden – standardisiert mit Drittanbietern teilen. Dazu gehören etwa Makler, Vergleichsportale oder andere Finanzdienstleister. Sie werden gemäß FiDA zu Datenbereitstellern bzw. „Data Holdern“. Dadurch verschiebt sich der Wettbewerb im Versicherungsvertrieb stärker Richtung Kundenschnittstelle und Nutzererlebnis.

Makler und Vergleichsportale könnten Versicherungsdaten künftig direkt in Beratung, Tarifvergleich und Wechselservices integrieren. Damit wird die digitale Kundenschnittstelle zum zentralen Wettbewerbsfaktor im Open Insurance-Markt. Zugleich sinken die Hürden für einen Anbieterwechsel, da Angebote transparenter vergleichbar und Prozesse digital stärker integriert werden können.

 

Welche Rolle wollen Versicherer künftig spielen?

Für viele Drittanbieter ist ihre Rolle bereits klar. Makler, Insurtechs und Vergleichsportale werden FiDA voraussichtlich aktiv als Data User nutzen, um ihre Services zu optimieren: bessere Vergleiche, datenbasierte Beratung und schnellere Wechselprozesse. Offene Versicherungsdaten sind für sie vor allem eines – die Chance, ihre Angebote zu optimieren und neue Kunden zu gewinnen.

Für Versicherer stellt sich die Situation anders dar. Denn: Im FiDA-Kontext nehmen Versicherer häufig die Rolle des Data Holders ein. Sie sind damit die Marktteilnehmer, die versicherungsbezogene Kundendaten bereitstellen müssen. Auf den ersten Blick wirkt dies zunächst wie eine einseitige regulatorische Belastung.

Die strategisch entscheidende Frage lautet jedoch: Wollen Versicherer künftig nur Daten liefern – oder FiDA aktiv für neue Geschäftsmodelle und bessere Kundenerlebnisse nutzen?

Versicherer können im zukünftigen Open Insurance-Ökosystem unterschiedliche Rollen einnehmen:

1. Datenbereitsteller/Data Holder (Pflichtrolle)
Der Versicherer muss die Daten über die erforderlichen Schnittstellen bereitstellen, um die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen. Der Fokus liegt auf Compliance und effizienter Umsetzung.

2. Datennutzer/Data User
Der Versicherer nimmt die Rolle des „Data Users“ ein, vergleichbar zu Maklern und Finanzberatern- und nutzt FiDA, um Kunden anderer Versicherer für sich zu gewinnen, beispielsweise indem er die eigene Ausschließlichkeitsorganisation mit den notwendigen Fähigkeiten ausstattet. Geht der Versicherer diesen Weg nicht, besteht die Gefahr, dass er Marktanteile verliert.

3. Servicegestalter im Ökosystem
Der Versicherer nutzt Daten nicht nur zur internen Optimierung, sondern entwickelt daraus konkrete Services für Kunden. Durch die Kombination eigener Vertrags- und Schadendaten mit externen Daten können Versicherer beispielsweise digitale Policenübersichten, personalisierte Empfehlungen oder automatisierte Hinweise auf Versicherungslücken anbieten.

Ein konkretes Beispiel: Erkennt ein Versicherer über freigegebene FiDA-Daten, dass ein Kunde eine Wohngebäudeversicherung besitzt, aber keine Elementarschadenabsicherung eingeschlossen ist, kann er den Kunden proaktiv auf dieses Risiko hinweisen – insbesondere dann, wenn externe Daten zeigen, dass sich die Immobilie in einer hochwassergefährdeten Region befindet. Der Service besteht dann nicht nur im Verkauf eines zusätzlichen Bausteins, sondern in einer datenbasierten Risikoaufklärung und einer konkreten Handlungsempfehlung.

Für Versicherer bedeutet das: Sie bleiben nah an der Kundenschnittstelle, schaffen zusätzlichen Mehrwert und positionieren sich als aktiver Begleiter in Risikofragen – statt lediglich Produkte bereitzustellen oder Daten an Dritte zu liefern.

Entscheidend ist: Die Rolle als Datenbereitsteller markiert nur den Einstieg, nicht das Zielbild. Wer FiDA ausschließlich als regulatorische Pflicht betrachtet, wird vor allem Daten liefern. Wer den Open Finance-Ansatz aktiv nutzt, kann daraus neue Services, Partnerschaften und nachhaltige Wettbewerbsvorteile ableiten.

Was Versicherer jetzt vorbereiten sollten

Auch wenn die finale Ausgestaltung der FiDA-Verordnung noch abgestimmt wird, sollten Versicherer bereits heute die strategischen und technologischen Grundlagen schaffen. Denn viele der notwendigen Fähigkeiten – etwa Datenarchitekturen, Consent Management oder API-Governance – benötigen lange Vorlaufzeiten.

Versicherer sollten deshalb insbesondere:

  • bestehende Datenarchitekturen, Datenqualität und Governance-Modelle auf FiDA-Anforderungen prüfen,
  • API- und Consent-Management-Fähigkeiten gezielt aufbauen,
  • ihre Zielrolle im Open-Insurance-Ökosystem definieren – als Data Holder, Data User oder Servicegestalter,
  • digitale Kundenschnittstellen strategisch absichern,
  • datenbasierte Services und potenzielle Partner identifizieren,
  • Auswirkungen auf Vertrieb, Beratung und Kundenbindung frühzeitig bewerten.

FiDA ist damit nicht nur ein regulatorisches Projekt, sondern ein strategischer Hebel für bessere Kundenerlebnisse, effizientere Prozesse und neue datenbasierte Geschäftsmodelle in der Versicherungsbranche.

Von der regulatorischen Pflicht zur strategischen Chance

Auf den ersten Blick wirkt FiDA wie eine regulatorische Aufgabe: neue Schnittstellen, neue Prozesse, neue Governance. Wer sich jedoch frühzeitig mit FiDA auseinandersetzt, kann die Verordnung nicht nur erfüllen sondern strategisch nutzen.

Versicherer werden künftig stärker daran gemessen, wie gut sie Kunden begleiten – nicht nur daran, welche Produkte sie verkaufen. Wer externe Versicherungsdaten intelligent nutzt, kann Kunden gezielter beraten, Deckungslücken erkennen und Wechselimpulse früher identifizieren. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob FiDA kommt, sondern welche Rolle Versicherer in diesem neuen Ökosystem einnehmen möchten. Wer abwartet, wird zum Datenlieferanten und am Ende Marktanteile verlieren. Wer gestaltet, kann sich im entstehenden Open Insurance-Markt strategische Vorteile sichern und neue Wachstumsfelder erschließen.

FiDA strategisch nutzen

FiDA ist für Versicherer weit mehr als eine regulatorische Vorgabe. Die Verordnung könnte darüber entscheiden, wer künftig die Kundenschnittstelle kontrolliert – und wer auf die Rolle des reinen Produktlieferanten reduziert wird.

Versicherer sollten deshalb bereits heute festlegen, welche Rolle sie im entstehenden Open-Insurance-Ökosystem einnehmen wollen: reiner Data Holder, aktiver Data User oder Servicegestalter mit direktem Kundenzugang.

 

Wie Capco helfen kann

Capco bringt umfassende Erfahrung aus Open Banking, PSD2/PSD3 und datengetriebenen Plattformmodellen in den Versicherungssektor ein. Dieses Know-how ist für FiDA besonders relevant, denn auch im Open-Insurance-Ökosystem von FiDA geht es um sichere Datenteilung, standardisierte Schnittstellen, Consent Management, Governance und den Schutz der digitalen Kundenschnittstelle. Auf Basis dieser Erfahrung unterstützt Capco Versicherer dabei, FiDA über die Compliance-Anforderung hinaus als strategischen Entwicklungsschritt zur Stärkung der eigenen Marktposition in einem sich weiter öffnenden und digitalisierten Markt zu verstehen. Der Fokus liegt darauf, regulatorische Anforderungen mit marktfähigen Geschäftsmodellen, partnerschaftlichen Ökosystemen und konkretem Kundennutzen zu verbinden.


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